Perspektive

Vorbehalte gegenüber perspektivischen Architekturdarstellungen
Annkathrin Schumpe
Anna Sophie Richardt
Professur
Theorie und Geschichte von Architektur, Kunst und Design
Projektarbeit

„Woher stammt das Mißtrauen gegen all jene Architekturzeichnungen, die das Auge bestechen, die durch ihre farblichen Effekte auffallen, die schön sind.“ [W. Oechslin]
Im Zuge des Architekturstudiums entstand ein Interesse an der »Suggestivkraft« von Präsentationsdarstellungen. Bestärkt wurde dieses durch Ausschlüsse fotorealistischer Darstellungen in Form von Renderings in Architekturwettbewerben.
Diese Arbeit zeigt die Parallelen und Wechselwirkungen von perspektivischen Architekturdarstellungen, Wettbewerbsverfahren und -ordnungen im deutschsprachigen Raum, sowie der Überzeugungsfähigkeit von Renderings auf. Der Fokus liegt dabei auf der Gegenüberstellung von händischen und computergenerierten Renderings, die hinsichtlich ihrer Komposition, Methodik und ihrem Realitätsgehalt untersucht wurden.

Perspektivische Architekturdarstellungen stehen im dauerhaften Wandel durch gesellschaftliche Veränderungen, technischen Fortschritt und die öffentliche Vergabe von Planungsaufträgen durch Wettbewerbsverfahren. Die Möglichkeit, Perspektiven zu konstruieren und Entwurfsideen in Schaubildern darzustellen, regt seit dem 15. Jahrhundert Diskussionen über eine wahrheitsgetreue Darstellung an.
Programmatische Lehren, wie die der École des Beaux Arts, beeinflussten realitätsnahe Darstellungen über Jahrhunderte durch plastische und kolorierte Zeichnungen. Durch die Reduzierung eines Entwurfes auf die plakative Wirkung stieg im frühen 20. Jahrhundert die Kritik an perspektivischen Zeichnungen, die zunehmend Wettbewerbsverfahren bestimmten. Aufgrund der immer aufwändigeren Darstellungen wurden häufiger Architekturzeichner beauftragt. In Amerika entwickelte sich daraus das neue Berufsfeld des Architekturrenderers, dessen Aufgabe es war, durch das Einarbeiten von Schraffuren als Materialität Zeichnungen von Architekturentwürfen möglichst realistisch erscheinen zu lassen. Helmut Jacoby, ein deutscher Architekturzeichner- und Renderer, der zunächst in Amerika tätig war, brachte diese Darstellungsform in den 70er Jahren nach Deutschland, nachdem die Akzeptanz für perspektivische Darstellungen nach dem Zweiten Weltkrieg wiederhergestellt war. Kurze Zeit später wurden diese bereits durch computergenerierte Darstellungen abgelöst.
In der textlichen Auseinandersetzung wurden die Visualisierungstechniken der händischen Renderings Jacobys denen der computergenerierten Darstellungen des 21. Jahrhunderts gegenübergestellt und hinsichtlich ihrer »Suggestivkraft« analysiert.
Geometrische und perspektivische Gesetzmäßigkeiten, sowie die Betrachterstandortwahl, Staffageelemente und farbliche Ausgestaltung waren die Analyseparameter. In der Untersuchung wurde deutlich, dass die Überzeugungskraft und der Realitätsgehalt von Jacobys Renderings zum Teil höher ist als von computergenerierten Renderings. Dennoch lässt sich vermuten, dass seine Zeichnungen heutzutage bei Wettbewerben keine vergleichbare Chance zu CAD-Renderings hätten. In heutigen Renderings rufen Farben und fotocollagierte Elemente beim Betrachter Assoziationen hervor, die ein Bild einer »neuen Wirklichkeit« erzeugen, das vom Betrachter nicht angezweifelt wird.
Auf Grundlage der Untersuchungen wurde in der Arbeit auch die Architekturlehre an der TUM kritisch betrachtet und die Frage gestellt, ob und wie wir als Studierende das Präsentieren unserer Ideen lernen in Bezug auf die von Jacoby angewandten perspektivischen Zeichentechniken als kompositorische Grundlage von Präsentationsdarstellungen.

Entstehung eines händischen Renderings von Helmut Jacoby
Stuttgart, 1965 © Helmut Jacoby, Architekturzeichnungen
Vorbehalte gegenüber perspektivischen Architekturdarstellungen
Cover der theoretischen Arbeit, München, 2020 © Anna Sophie Richardt, Annkathrin Schumpe