Stufen und Stacheldraht

Maria Schlüter
Professur
Theorie und Geschichte von Architektur, Kunst und Design
Projektarbeit

Das Projekt „Stufen und Stacheldraht – Baustelle als Intervention im öffentlichen Raum“ untersucht das Phänomen des Bauprozesses im Münchner Stadtraum. Die Arbeit nähert sich diesem Thema zum einen auf einer architekturtheoretischen, zum anderen auf einer interventionistischen Ebene. Das Projekt entstand an der Professur für Urban Design und dem Lehrstuhl für Theorie und Geschichte von Architektur, Kunst und Design. Es wurde von Prof. Sophie Wolfrum, Prof. Dr. Benedict Boucsein und Prof. Dr. habil Dietrich Erben begleitet.

„Großbaustelle direkt vor der Nase: Anwohner in Angst“, „Mega-Aushub am Marienhof: ‚Diese Baustelle wird eine Katastrophe‘“ oder „Glyptothek hängt am Draht“ sind nur einzelne Beispiele für die faszinierenden Sprachkonstellationen, die ein Querlesen der Münchner Lokalteile zum Vorschein bringt. Auch in den bundesdeutschen Tagesnachrichten sorgen die fast schon sprichwörtlich scheiternden Großbaustellen regelmäßig für Schlagzeilen. Häufig avancieren Baustellen zu Kristallisationspunkten zentraler Problemstellungen der Infrastruktur-, Umwelt- und Wohnungspolitik. Umso mehr überrascht es, dass die zeitgenössische Baustelle im architekturtheoretischen Diskurs nur geringe Aufmerksamkeit erfährt.

Die vorgestellte Arbeit analysiert die ästhetischen, technologischen und sozialen Effekten, die bauliche Änderungen auf ihren urbanen Kontext ausüben. Um das Zusammenspiel heterogener Entitäten, wie Nutzungsmustern, Bausubstanz, Lokalpolitik und Abrissbirnen nachvollziehen zu können, werden Begriffe der Akteur-Netzwerk-Theorie und das Konzept der urbanen Assemblage eingeführt. Diese Perspektive ermöglicht es, Architekturen als stabilisierende Akteur-Netzwerke zu lesen. Bauliche Änderungen stellen einen gravierenden Eingriff in den urbanen Kontext dar, da sie eben diese Stabilität untergraben: Das Verhältnis von Baugesetzen, Anwohner*innen, Investitionskapital, Ziegelsteinen und Denkmalauflagen muss neu gefügt werden. Bauarbeiten sind somit nicht als die verlustfreie Umsetzung einer Planung zu betrachten, sondern vielmehr als ein kontingenter und prekärer Übersetzungsvorgang. An diese Überlegung anknüpfend, untersucht die Arbeit die zeitgenössische Baustelle als soziotechnische Institution, welche dieser Krise mithilfe von Regularien, Architektursubstituten und Ritualen entgegenwirkt. Sobald diese Institutionen jedoch versagen, können Baustellen zum Epizentrum politischer Debatten werden.

Diese theoretische Auseinandersetzung ist mit einem Realexperiment an einem der prominentesten Bauplätze der Stadt München gekoppelt: der Sanierung der Glyptothek am Königsplatz. Während der baustellenbedingten Sperrung des Museums wird eine Replik des beliebten Sitzstufensockels vor dem Bauzaun platziert. Während eines 6-monatigen Aushandlungsprozesses deckt das Experiment sukzessive die Netzwerke zwischen Bauvorhaben und öffentlichem Raum auf. Dabei formiert sich auch das Projekt selbst als Hybrid zwischen Architektur, ortsspezifischer Installation, Lokalpolitik, Stadtforschung und Baustelleneinrichtung. Die Installation wird zu einem wandernden Token, das zwischen Baubeteiligten, Bezirksausschuss, städtischen Referaten, Lokalpresse und zivilgesellschaftlichen Akteuren wechselt und so ein Psychogramm der Baustelle zeichnet.

Stufen und Stacheldraht
Luftaufnahme der Installation am Königsplatz
Bauzaun
Münchner*innen im Februar vor dem Bauzaun
Lokalpresse
Dokumentation des Projektes in der Lokalpresse
Installation
Stufen vor der Baustelle
Installation
Luftaufnahme des replizierten Sitzstufensockels
Textur
Hybride Oberfläche zwischen Bauzaun und Steinsockel