Park des Anthropozäns

Gisela Reis
Luise Hanstein
Professur
Landschaftsarchitektur und industrielle Landschaft
Projektarbeit

Rostrot thront der Erzberg 700 Meter über der Stadt. Seit fast 800 Jahren werden dort Erze abgebaut, und der Mensch hinterlässt eine unübersehbare geologische Spur – ein Zeichen des Anthropozäns. Welche Rolle wird der aufgerissene Erzberg in Zukunft für die Stadt Eisenerz und die Region spielen – faszinierendes Neuland oder ewig klaffende Landschaftswunde? Der Oswaldirücken gilt als das „Tor zum Erzberg“ und ist Zugang zum aktiven Bergbaugebiet. Im Rahmen eines Bachelorprojektes im 7. Semester wurde dieses Teil-Areal landschaftsarchitektonisch neu gestaltet. Die Interventionen sollten das aktuelle Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt, Industriegeschichte und Alpenidyll treffend thematisieren.

Der Erzberg als Symbol des Anthropozän: Im Zeitalter des menschlichen Einflusses ist es wichtig, das Bewusstsein zu schärfen und jedes Streben nach einem natürlichen Gleichgewicht zu fördern. Der Park des Anthropozäns ist eine neue Art von Erholungsgebiet für Mensch und Umwelt.
Direkt neben dem aktiven Tagebau dient er als artifizieller Rahmen für das Ausmaß des menschlichen Einflusses. Die Skulptur aus Beton und Eisenschlacke bietet vielfältige Einblicke und Ausblicke in das Bergbaugebiet und über den Schlammsee, das historische Zentrum von Eisenerz und den Berg Pfaffenstein, einen typischen – nicht überformten – Alpenberg. Besucherinnen und Besucher sowie Einheimische können den Bau erkunden, ihn für Fotos nutzen und den Abbau des Berges live mitverfolgen. Integrierte Bänke und Stege laden zum Verweilen ein und machen den rustikalen, historischen und industriellen Charakter des Ortes erlebbar. Die starke, kompromisslose Formensprache betont die Kontraste zwischen der umgebenden, eher romantischen Skyline und der künstlichen Topographie des für maximale Effizienz strukturierten Geländes. Darüber hinaus dient er als Lösung für kontaminierte Eisenschlacke, die derzeit im Münichtal, nur einen halben Kilometer vom Planungsgebiet entfernt, gelagert wird. In diesem Tal befindet sich eine prägende Schlackenhalde, die im letzten Jahrhundert von der Eisenindustrie produziert wurde. Etwa 15.000 Kubikmeter der gesamten 75 Meter hohen Halde sind verunreinigt und werden ohne langfristige Lösung gelagert, während sie das nahe Grundwasser verunreinigt. Ziel des Entwurfes ist es deshalb eine Infrastruktur aufzubauen, die in der Lage ist, die Schlacke zu reinigen und der Umwelt einen Lebensraum mit hohem Biodiversitätspotential zurückzugeben. Durch Phytoremediation ist es möglich, die Schadstoffe aus dem Boden zu extrahieren (polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe und Phenole). Dazu wird die Schlacke in den großflächigen, verschlossenen Schüttgutkisten der Anlage gelagert und spezielle Pflanzen angesät. Da diese die Schadstoffe in ihren Stängeln und Blättern lagern, müssen sie regelmäßig entfernt und kontrolliert in einem Pyrolyseofen verbrannt werden. Ein in die Skulptur integriertes Forschungszentrum bietet Platz für diesen Ofen sowie für Personen, die die Phytoremediation und ihre Möglichkeiten für die Zukunft pflegen, beobachten und untersuchen. Somit kann dies für die angewandte Ausbildung von Schülern, Studenten und an Umweltprozessen interessierten Personen genutzt werden.

Perspektive
Freising 2020, © Luise Hanstein, Gisela Reis
Übersicht
Freising 2020, © Luise Hanstein, Gisela Reis
Lageplan
Freising 2020, © Luise Hanstein, Gisela Reis
Detailausschnitt
Freising 2020, © Luise Hanstein, Gisela Reis
Schnittansichten und Pflanzenauswahl
Freising 2020, © Luise Hanstein, Gisela Reis