Marsstraße

Professur
Theorie und Geschichte von Architektur, Kunst und Design
Seminararbeit

Der Münchner Hauptbahnhof steht mitten in seiner Abbruchphase. Mit dieser Baustelle und dem vorgesehenen Neubau verändert sich nicht nur die Bahnhofsinfrastruktur, sondern auch das Stadtviertel um sie herum. Im Kontext dieser Transformation wurde das südliche Bahnhofsviertel zum Objekt einer fotografischen Auseinandersetzung. Die entstandenen Bildserien sind zugleich Bestandsaufnahme und stoßen eine Beschäftigung mit jenen Zwischenräumen und Alltagsorten an, die gleichzeitig im Zuge des Bahnhofsneubaus tendenziell im Verschwinden sind. Die Fotografie wird zum Mittel, um Geschichten, Qualitäten, Möglichkeiten und heterogene Zustände dieser Räume zu ergründen, Diskussionen zu eröffnen und Position zu beziehen.

Dieser Hinterhof nördlich des Münchner Hauptbahnhofs wirkt mit seinen unterschiedlichen Bautypologien wie eine Collage aus verschiedenen Zeiten. Das siebenstöckige Parkhaus bildet mit seinen Betonplatten den Hintergrund, von dem sich der Hof abhebt. Im Vordergrund stehen drei eingeschossige Baracken aus der Nachkriegszeit, die nicht mehr erkennen lassen, was ihre ursprüngliche Nutzung war. Durch das Weiterbauen, Renovieren und Neubauen entstand eine Mischung aus verschiedenen Formen und Materialien als eigene Zeitschicht.
Meine Aufmerksamkeit erregte dieser Hof bei der Suche nach Orten im Viertel, die Begegnungen zulassen und fördern. Beim ersten Eintreten in diesen Hof waren zwei Frauen mit dem Hacken von Brennholz beschäftigt – und illustrierten den Anachronismus dieser Enklave. Ihr Arbeitsplatz befindet sich in einer alten Schreinerei, die nun umgenutzt Coworking-Space ist. So wie dieses Gebäude hat jede der Baracken eine neue Nutzung bekommen. In dem ehemals von handwerklicher Nutzung geprägten Hinterhof bilden nun unterschiedliche Dienstleister ein interdisziplinäres Miteinander. Von allen Seiten eingerahmt, äußerlich nicht sichtbar entwickelte sich der Hof zu einer eigenen Realität – als Enklave in der Großstadt.