Grenzerfahrung – Ein intensives Landschaft­serlebnis

Judith Schenkyr
Frieder Wilk
Professur
Landschaftsarchitektur und industrielle Landschaft
Projektarbeit

Rostrot thront der Erzberg 700 Meter über der Stadt. Seit fast 800 Jahren werden dort Erze abgebaut, und der Mensch hinterlässt eine unübersehbare geologische Spur – ein Zeichen des Anthropozäns. Welche Rolle wird der aufgerissene Erzberg in Zukunft für die Stadt Eisenerz und die Region spielen – faszinierendes Neuland oder ewig klaffende Landschaftswunde? Der Oswaldirücken gilt als das „Tor zum Erzberg“ und ist Zugang zum aktiven Bergbaugebiet. Im Rahmen eines Bachelorprojektes im 7. Semester wurde dieses Teil-Areal landschaftsarchitektonisch neu gestaltet. Die Interventionen sollten das aktuelle Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt, Industriegeschichte und Alpenidyll treffend thematisieren.

Der Oswaldi-Rücken, der der ursprüngliche Fuß des Berges ist, hat sich durch den gewaltigen Materialabtrag im Tagebau schon einige hundert Meter vom Erzberg entfernt. Mit den fortschreitenden Abbauarbeiten wird diese Entfernung weiterhin wachsen. Somit ist die Entfernung des Oswaldi-Rückens zum neuen, menschengemachten Hang des Erzberges ein Zeuge für den menschlichen Eingriff und lässt den Besucher erahnen, wie viel Material von diesem Berg schon abgetragen wurde. Dem Besucher erschließt sich diese Bedeutung des Ortes ohne Vorwissen oder touristische Führung jedoch nicht. Der Entwurf GRENZERFAHRUNG hat zum Ziel das Potential des Oswaldi-Rückens zu nutzen, indem die geschichtliche Bedeutung des Ortes durch die landschaftsarchitektonische Gestaltung vermittelt wird.
Am Oswaldi-Rücken treffen zwei konträre Landschaften aufeinander: Zum einen die umliegende Landschaft, die geprägt ist von sanften Wiesenhängen und romantischen Berglandschaften mit ihren typischen Hangwäldern und zum anderen der Erzberg, mit seiner gestuften, rauen Topographie und offenem, vegetationslosem Boden.
Im Entwurf werden die Eigenheiten dieser Landschaftstypen betont und kontrastierend gegenübergestellt. An diesem Nebeneinander der industriell überformten Bergbaulandschaft und der ursprünglichen Kulturlandschaft kann der Besucher die Veränderungen durch den menschlichen Einfluss nachvollziehen. Der Grenzlinie zwischen Kultur- und Bergbaulandschaft gilt eine besondere Aufmerksamkeit im Entwurf. Die Grenze verläuft als präziser Schwung durch den Entwurf und trennt die beiden Landschaftstypen scharf voneinander und wächst von Sitzstufenhöhe bis auf eine acht Meter hohe überhängende Mauer an. Die räumliche und materielle Qualität der Grenzmauer soll die Dimensionen und die Kraft vermitteln, die die landschaftlichen Veränderungen des Bergbaus über die letzten Jahrhunderte angenommen haben.
Auf dem Oswaldi-Rücken bieten sich dem Besucher durch die Freiflächengestaltung einige Möglichkeiten den Ort und die Geschichte des Bergbaus zu erleben. Die historischen Relikte, wie der Elektrobagger oder der Glück-Auf-Stollen, werden wirkungsvoll in den Entwurf eingebettet und erzählen den Besuchern mehr vom Bergbau der letzten Jahrhunderte. Das beeindruckende Panorama des Erzberges ist der Fokus des Entwurfs und die Hauptattraktion für die Besucher. GRENZERFAHRUNG bietet vielfältige Blickwinkel auf das hoch in den Himmel ragende Stufenrelief des Erzberges. Durch gerahmte, auf Details fokussierte bis hin zu weiten, ungestörten Blicken auf die gesamte Kulisse des Berges kann der Besucher den Erzberg und den aktiven Bergbau aus verschiedenen Perspektiven beobachten.

Perspektive der Grenze
Freising 2020, © Judith Schenkyr, Frieder Wilk
Lageplan
Freising 2020, © Judith Schenkyr, Frieder Wilk
Detailausschnitt
Freising 2020, © Judith Schenkyr, Frieder Wilk
Schnittansicht
Freising 2020, © Judith Schenkyr, Frieder Wilk
Details
Freising 2020, © Judith Schenkyr, Frieder Wilk