Take back the Isar

Tanja Gerum
Marie-Alice Wätjen
PublikationProfessur
Urban Design
Projektarbeit

Die Vorherrschaft der Autos als eine der destruktivsten Kräfte im Städtebau des 20. Jahrhunderts zu überdenken war die Aufgabe dieses interdisziplinären Entwurfsstudios. Welche stadträumlichen Konsequenzen ergeben sich durch ein weitgehend autofreies München? Dabei geht es weniger um die Frage, wie man die Stadt tatsächlich autofrei bekommt, als vielmehr darum, welche Chancen dadurch für den Einzelnen und die gesamte Gesellschaft entstehen, aber auch welche Risiken und Erfordernisse mitgedacht werden müssen, um das tägliche Leben aufrecht zu erhalten und neu zu gestalten. Unser Projektgebiet stellt die Umgebung der Erhardtstraße dar. Überlegungen und Diskussionen, den Verkehr entlang des Isar-Westufers zu reduzieren, existieren seit Längerem, da der Nutzungsdruck auf die Isar als städtisches Naherholungsgebiet stetig steigt.

Die Straße, einst nicht nur die Bühne des sozialen Lebens, der gemeinschaftlichen Zusammenkunft und des erweiterten Wohn- bzw. Verkaufsraums, sondern auch ein strukturierendes städtebauliches Element, scheint heutzutage einzig dem Zweck der schnellen Mobilität und Erschließung zu dienen. Was geschieht aber, wenn durch Wegnahme des motorisierten Individualverkehrs wieder ein Gleichgewicht der Nutzer hergestellt würde? Der Straßenraum könnte wieder vielschichtig und gleichberechtigt genutzt werden. Der Entwurf basiert daher auf drei verschiedenen Leitthemen: der ökologischen Resilienz, der sozialgerechten Verteilung des öffentlichen Raums und der gemeinschaftlichen Organisation des nachbarschaftlichen Zusammenlebens. Die Berücksichtigung der ökologischen Resilienz ist an der Erhardtstraße von besonders hoher Bedeutung, da diese entlang der Isar verläuft, welche essenziell zum Stadtklima Münchens beiträgt. Als bedeutendste Kaltluftschneise der Stadt, sowie eines der wichtigsten städtischen Naherholungsgebiete, ist der Flussraum der Isar besonders schützenswert. Das Isarufer muss für den wachsenden Andrang an Nutzern, welcher sich zwangsläufig aufgrund des Klimawandels ergibt, städtebaulich gerüstet werden. Das Konzept kann so als Prototyp für das städtische Isarufer dienen und auf weitere Isarabschnitte adaptiert werden. Um zukünftige Nutzerkonflikte zu verhindern, ist es wichtig, ein breites Angebot an Freiräumen für alle Mitglieder der Gesellschaft zu schaffen und den öffentlichen Raum gerecht zu verteilen. Um eine sozialgerechte Verteilung der freiwerdenden Flächen sicherzustellen, wurden kontextual prägnante Charaktere im Planungsgebiet herausgearbeitet. Ein übergeordnetes Konzept verbindet die Zonen miteinander, lässt aber genug Freiraum, um die städtebaulichen Charaktere weiter zu schärfen und vielschichtige Freiflächen zu generieren. In Zukunft weniger oder anders genutzte Institutionen im Planungsgebiet (Kirchen, Schule) werden zu multifunktionellen Orten der Gemeinschaft und des Lernens umgestaltet. Gleichzeitig bieten diese neu geschaffenen Zentren Raum für nachbarschaftliche Aktivitäten und stärken somit den sozialen Zusammenhalt im Viertel. Im Entwurf zur ‚Renaturierung‘ und ‚Revitalisierung‘ des Straßenraums der Erhardtstraße wurden möglichst viele Themengebiete, Akteure und Nutzungen eingebunden, um die historische Vielschichtigkeit der städtischen Straße wiederherzustellen. Darüber hinaus soll durch die partizipative Planung und den Einsatz von Technik eine möglichst gleichberechtigte Nutzung des Straßenraums ermöglicht und das Potenzial dieser radikalen Umgestaltung für die zukunftsorientierte und nachhaltige Anpassung des städtischen Gefüges genutzt werden.

Take back the Isar - Resozialisierung der Erhardtstraße
München, 2020 © Gerum, Hölzl, Wätjen
Konzeptioneller Leitgedanke der Isarabschnitte
München, 2020 © Gerum, Hölzl, Wätjen
Systematische Struktur der Erhardtstraße
München, 2020 © Gerum, Hölzl, Wätjen
Südlicher Abschnitt rund um die Community-School
München, 2020 © Gerum, Hölzl, Wätjen
Urbaner Abschnitt an der Reichenbachbrücke
München, 2020 © Gerum, Hölzl, Wätjen
Nördlicher Abschnitt - Umgebung der St. Lukas Kirche mit neuem Flussbad
München, 2020 © Gerum, Hölzl, Wätjen