Man nehme: Bestand neu gedacht + Adorfer Charme

Charlotte Schoenberger
PublikationProfessur
Entwerfen und Konstruieren
Projektarbeit

Adorf im Vogtland steht wie viele ländliche Gemeinden vor der existenziellen Herausforderung, dass sie als Wohn-, Lebens- und Arbeitsstandort attraktiv bleiben muss, um einem weiteren Bevölkerungsrückgang entgegenzuwirken und auf den demografischen Wandel zu reagieren.
Die Frage „How will we live together?“ und mit welchen öffentlichen Nutzungen die Stadt Adorf attraktiver wird, stand im Zentrum der Entwurfsthematik. Durch die Entwicklung von Wohntypologien, welche den Anforderungen eines altersgerechten und barrierefreien Wohnens, der Nachfrage nach Wohneinheiten, die neuen innovativen Wohn- und Lebensmodellen potenzieller Familiengründer gerecht werden, kann wirtschaftlich abgehängten Dörfern eine chancenreiche Zukunftsperspektive aufgezeigt werden.
Es gab drei Grundstücke, die diesbezüglich bearbeitet werden konnten.

Das Gebäude in der Freibergerstraße liegt zwischen historischem Stadttor, Rathskeller und dem Altstadtmarkt. Diese besondere Lage nutzen wir, um mit dem Entwurf eine temporäre Verkehrsberuhigung vorzuschlagen, sodass die Freibergerstraße zum Treffpunkt – Innen und Außen – werden kann. Die Qualitäten des Bestandes und das Kommunalprofil bilden die Basis unseres Konzeptes.
Die Belebung des Erdgeschosses wird mit einer Neuordnung der Räumlichkeiten und geringfügigem Eingriff erlangt und kann auf zukünftige Szenarien wandelbar reagieren. Damit kann neben der bestehenden Physiotherapie in zwei Schotten des Hauses eine Backstube verortet werden, die durch einen neu gestalteten offenen Eingang betreten wird. Die Backstube sehen wir als Motor für eine generationenübergreifende soziale Interaktion. Die SeniorInnen könnten dort gemeinsam backen und verkaufen, ähnlich des Projektes „Kuchentratsch“ in München und Wien. Der Innenhof des Gebäudes wird begrünt und neu belebt.
In den Obergeschossen ermöglichen gezielt eingefügte Unterzüge ein Sichtbarwerden der Höhenversprünge des Bestandes. Großzügiger Wohnraum entsteht auch durch die Wegnahme des mittleren Treppenhauses und den Ausbau des Dachgeschosses. Die Infrastruktur bleibt in der gleichen Zone des Hauses. Die alten, sehr dünnen Pappwände werden durch neue, hochwertige Leichtbauwände ersetzt. Die Wohnungen sind Ost-West orientiert und besitzen jeweils einen großen Balkon gen Westen. Die Zimmer sind meist über das Enfilade Prinzip zu erschließen, was wandelbare Zuschaltung für verschiedene Wohnszenarien ermöglicht. Von vier separaten Wohnungen zu Mehrgenerationenwohnen ist alles auf einer Etage möglich.
Der Eingriff am Haus wird generell sehr gering gehalten. An den Fassaden bleiben die Öffnungen weitestgehend an der ursprünglichen Position erhalten. Straßenseitig wird das Erdgeschoss durch zwei neue große Fenster öffentlicher gestaltet. Den drei Häusern wird dabei durch das Aufgreifen des Tores ein einheitlicher Rhythmus gegeben. Hofseitig wird der Austritt auf die Balkone ermöglicht – hier entsteht eine kommunikative Fassade. Der Schiefer des Bestandes bleibt erhalten, um das Gesamtensemble der Straße zu stärken. Das Haus bekommt einen neuen, hellen Filzputz. Die Eingriffe werden durch veränderte Putzstrukturen sanft hervorgehoben. Somit fügt sich das Neue im alten Bestand ein und lädt zu einem Besuch in die Freiberger Straße ein: Einem offenen Haus der Adorfer Gemeinschaft, das einfach anders bewohnt werden kann.

Erdgeschoss mit öffentlichem Mehrwert
Modellfoto Erdgeschoss Backstube
Wohnsituation
Modellfoto Bestandsqualität hervorheben
Straßenfassade
Eingriff + Verkehrsberuhigung
Grundriss Obergeschoss
Wohnen einfach anders
Eingang Café
Collage + Materialität
Adorf: Bewohnt einfach anders - TUM Video-Podcast - Architecture C+C
Im Rahmen des Entwurfsstudios 2020 bei Professor Nagler, Lehrstuhl für Entwerfen und Konstruie