Impulsgeber Entrückte Baustrukturen

Robert Rothe
Professur
Landschaftsarchitektur regionaler Freiräume
Projektarbeit

Um der Nachfrage nach Wohnraum in München gerecht zu werden, reicht eine ausschließliche Konzentration auf die Nachverdichtung der innerstädtischen Lagen nicht aus. Dementsprechend rück(t)en in den letzten Jahren die noch unbebauten Stadtrandlagen in den Fokus der Stadtentwicklung. Seit 2017 wird zudem über den Münchener Norden um Feldmoching intensiv nachgedacht. Die hier vorgestellte Projektplattform entwickelt eine landschaftsarchitektonische Perspektive zur künftigen Landschafts- und Siedlungsentwicklung im Münchener Norden. Ziel ist es, diesen Raum nicht mehr funktionalistisch und zentralistisch als Peripherie, Umland, Randland oder Grüngürtel zu betrachten, sondern als charaktervolle, geschichtlich gewachsene Raumqualität zu verstehen, die Wachstum zulässt und gleichzeitig Freiraum einfordert.

Vor dem Hintergrund der dringend notwendigen Schaffung von neuen Stadtquartieren in der Region München ist eine reine Ergänzung der bestehenden Siedlungsstrukturen in den städtischen Randbereichen und im Umland durch ihren unzusammenhängenden Städtebau und ihre losgelösten, überformten Zentren in Folge ihres explosionsartigen Wachstums der letzten Jahrzehnte ungeeignet. In Ergänzung zu den bestehenden Siedlungsstrukturen existieren an den Münchener Stadtrand angrenzend Räume mit sehr geringer Bebauungsdichte, die sich durch punktuelle Baustrukturen auszeichnen, welche durch ihre Eigenart und Struktur als Impulsgeber für neue Quartiere und umliegende Gemeinden dienen können (s. Abb. 1).
Es sind aus der Stadt ausgelagerte, also entrückte, Strukturen, deren spezielle oft monofunktionale Nutzung sowohl durch Lage als auch Grundriss und Form bedingt ist. Häufig sind die Baustrukturen aus einem historischen Ereignis gewachsen, wie zum Beispiel die Regattastrecke im Münchener Norden. Durch ihre besondere Geschichte und Architektur haben sie das Potenzial als Zentrum für neue Baugebiete mit einer hohen Nutzungsvielfalt zu dienen. Exemplarisch für diese Räume wird im vorliegenden Entwurf der Münchener Norden detailliert betrachtet.
Die Schaffung von neuem Wohnraum konnte unter der Einbeziehung der vorhandenen sowohl gebauten als auch landschaftlichen Bedingungen realisiert werden. Die diversen Nutzungsansprüche wurden durch die Setzung unterschiedlicher Schwerpunkte an den entrückten Baustrukturen im Münchener Norden vereint werden. So dienen drei entrückte Baustrukturen – die Regattastrecke, ein altes Armee-Depot und ein Reitstall- und Gewerbegebietskomplex – als Kristallisationskerne für neue Stadtquartiere wohingegen andere als Ausgangspunkte von besonderen landschaftlichen Qualitäten und Erholungsräumen (s. Abb. 2). Der Entwicklung der Quartiere liegt einem zusammenhängenden Freiraumgerüst zugrunde, welches sich aus den vorliegenden Landschaftsstrukturen ergibt. Die dadurch entstehenden Viertel, die aufgrund ihrer unterschiedlichen Dichte, Bauform und Freiraum (s. Abb. 3 & 4) einen jeweils eigenen Charakter haben, bilden im Dialog mit der entrückten Struktur ein diverses Gesamtgefüge. Ein wichtiger Bestandteil des städtebaulichen Entwurfs war die Integration von ausgelagerten Strukturen, wie zum Beispiel Müllentsorgung und landwirtschaftlicher Betriebe, in die Siedlungsformen. (s. Abb. 4, 5 & Titelbild) Dies spiegelt den Grundgedanken der Arbeit wider, ungewollte Strukturen nicht in die Landschaft auszulagern, sondern diese unter einer Gleich- und Daseinsberechtigung in der Kulturlandschaft zu akzeptieren und als wertvollen Teil zu integrieren.

Impulsgeber Entrückte Baustrukturen - Perspektiven aufzeigen
Perspektive auf ein neues Wohnquartier, 2020 ©️ Dropmann, Rothe
Abb. 1: Konzept Impulsgeber Entrückter Baustrukturen – Dichte & Siedlung
Darstellung auf Grundlage des Münchener Schwarzplans, 2020 ©️ Dropmann, Rothe
Abb. 2: Strukturplan des Münchener Nordens mit entrückten Strukturen
Eigene Darstellung – Originalmaßstab 1:25.000, 2020 ©️ Dropmann, Rothe
Abb. 3: Bebauungs- und Freiraumplan des Quartiers an der Regattastrecke
Eigene Darstellung – Originalmaßstab 1:5.000 ©️ Dropmann, Rothe
Abb. 4: Dichte, Form und Charakter des Riesviertels im Regattaquartier
Eigene Darstellung – Axonometrie ©️ Dropmann, Rothe
Abb. 5: Der Viehhof ist selbstverständlicher Teil der Siedlung
Eigene Darstellung – Perspektive ©️ Dropmann, Rothe