Was ist uns Architektur­geschichte Wert?

PublikationProfessur
Neuere Baudenkmalpflege
Seminararbeit

Als Abschluss der Vortragsreihe MIES UND DIE ANDEREN. LERNEN AUS DEM UMGANG MIT DER MODERNE sollte galt es ein Essay zu folgendem Thema zu verfassen:
Die Neue Nationalgalerie in Berlin ist ohne Frage ein ikonischer Bau des 20. Jahrhunderts. Wie der
abschließende Endpunkt einer langen Auseinandersetzung fasst der Entwurf eine Vielzahl architekturhistorischer Bezüge in einer gleichsam endgültigen Form zusammen.
Kann danach noch etwas kommen? Worin liegt die Bedeutung dieses Bauwerks im 21. Jahrhundert?
Begründet die starke Form eine besondere Art der Erhaltung?

Mies van der Rohe erhielt 1962 den Auftrag zu Errichtung der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Für den Auftrag war zum Teil auch die Petition von Ulrich Conrads, dem damaligen Chefredakteur der Bauwelt, verantwortlich, die er anlässlich des 75. Geburtstags von Mies 1961 unter dem Leitspruch. „Mies muss in Berlin bauen!“ einreichte .
Die Grundlage für den Bau zeigt sich bereits in früheren Entwürfen Mies van der Rohes:
der stützenfreie Universalraum, der die Essenz der Neuen Nationalgalerie bildet, findet sich auch in seinen nie realisierten Konzepten für ein Verwaltungsgebäude des Rum-Herstellers Bacardi in Santiago de Cuba (1957) sowie in seinem Entwurf für das Museum Georg Schäfer in Schweinfurt (1960). Die Weiterentwicklung dieses Grundgedankens wird bei der Neuen Nationalgalerie durch die von acht außenliegenden Stützen getragene, überdimensionierte Dachkonstruktion überspannt.

Mies ist diese Kompromisse eingegangen, um seine Prinzipien und sein Verständnis von Raumordnung bis ins kleinste Detail zu verdeutlichen. Man kann anhand dieses besonderen Gebäudes also einiges über Architektur- und Zeitgeschichte – aber auch über einen Vordenker und seinen Visionen lernen.
Ein Jahr nach der Eröffnung verstarb der Architekt und Wegbereiter der klassischen Moderne, ohne sein letztes Werk nach Fertigstellung gesehen zu haben. Fast schon symbolisch scheint der Umstand, dass Mies in Berlin, wo er unter Bruno Paul das Architekturhandwerk lernte, auch sein letztes Werk verwirklichte.
So ist dieser Bau zu so etwas wie seinem architektonischen Requiem geworden, ein auf einem Podium, aus Stahl und Glas geformtes Manifest seines Architekturverständnisses der Moderne: „Mies hatte wie Mondrian den unerschütterlichen Glauben seiner Generation an die Macht der echten Form, die die Klarheit der Konstruktion, die Flexibilität des Zweckes und die absolute Proportion vereint. Wir können dankbar sein, daß sie noch einmal – zum letztenmal – in der neuen Nationalgalerie hat realisiert werden können.“

Doch welche Bedeutung kann man der Neuen Nationalgalerie neben dem architektur-geschichtlichen Aspekt auch für zukünftige Architektur zusprechen? Schließlich wäre es wohl nicht in Mies Sinne gewesen, den von ihm als universell und damit als zeitungebunden konzipierten Raum ausschließlich als „eingefrorenes“ Symbol einer vergangenen Strömung zu begreifen. Genauso wenig sollte das Bauwerk nur aus seiner Funktion des Museums heraus betrachtet werden; auch sein populärer Status als „Höhepunkt“ und Endpunkt von Mies Schaffen als Manifestation seiner architektonischen Philosophie greift bei näherer Auseinandersetzung zu kurz.

Ein Blick auf Mies Ikone der klassischen Moderne
© RCphoto