Eine auditive Architekturwahr­nehmung

Anne Sauter
PublikationProfessur
Entwerfen und Gestalten
Seminararbeit

Jede gebaute Umgebung wird mit all unseren Sinnen wahrgenommen – jedoch unterscheiden sich Intensität und Bewusstsein. Das Auditive ist hier Bestandteil einer ganzheitlichen Erfahrung und trägt so maßgeblich zu einem differenzierten Gesamteindruck bei. Doch still wird es bei der Frage, wie wir Räume auditiv wahrnehmen – dabei machen wir alle unterschiedliche Erfahrungen mit Klang. Der Reiz dieses Phänomens liegt für mich in seiner Eigenart, Räume wiederzugeben. Klang verbindet uns mit unserer Umwelt, aber vor allem mit den Menschen darin. Doch in unseren meist optisch gefällten Entwurfsentscheidungen ist der resultierende Raumklang nur ein zufälliges akustisches Beiprodukt.
Dies ist mein Versuch, Räume auch als Klangumwelt zu denken und somit eine Ergänzung zu meiner gewohnten Entwurfsmethodik zu schaffen.

Inwiefern besitzt auditive Architektur eine Relevanz für einen zeitgemäßen Entwurfsgedanken? Für uns alle haben Klänge Facetten, die sich in vier Kategorien aufteilen lassen: sozial, navigierend, musikalisch und schließlich ästhetisch. Ein auditiver Architekt, wie auch die späteren Nutzer eines Raumes, entscheiden über die Wichtigkeit der einzelnen Facetten – bewusst wie unbewusst. Oftmals produzieren räumliche Eigenschaften widersprüchliche Erfahrungen, die dann maßgeblich menschliche Aktivitäten verändern. Ein auditiver Architekt kann auf eine direkte und eine indirekte Art und Weise diese Emotionen beeinflussen – durch aktive Klangquellen, die als auditives Ornament einen Raum beleuchten, oder durch passiven räumliche Aufbau, der erst durch die Handlungen der Nutzer seine Wirkung zeigt. So gewinnen die Handlungen der Erfahrenden wohl immer mehr an Wichtigkeit – sie werden selbst zu einem integralen Bestandteil, also einer Schallquelle, der Situation. So kann ein auditiver Architekt direkt in die physikalischen Gegebenheiten eingreifen; er darf sie aber nur als Teil einer Gestaltungsgesamtheit betrachten. Der Ausgangspunkt eines auditiven Entwurfsansatzes soll durch aktives Wahrnehmen und Erfassen von Klangumwelten geleitet sein. Aufgrund der subjektiven Empfindungen eines Raumes wird eine Methode gewählt, die es im ersten Schritt möglich macht, sich nur der Klänge – ohne visuelle Einflüsse – über eine bestimmte Zeit bewusst zu werden. Diese Klangsuche wird mit aktiven Aufträgen bestückt, um dem Hörer einen Leitfaden an die Hand zu geben. Zunächst soll eine Gesamtheit des zu durchhörenden Raumes erfahren werden, die dann spezifiziert wird. Dabei ist die Leitung durch die eigene Intuition wichtiger als einen vorgegebenen Weg nachzuvollziehen. Diese Art der Wirklichkeitsschaffung ist eine individuelle sinnliche Erfahrung, die erst in einem weiteren Schritt durch ein bildliches Festhalten ergänzt wird.
Im nächsten Schritt sollen Empfindungen in Schriftform übersetzt werden. Ein Dialog über das Erfahrene lässt ein reflektierendes Wahrnehmen zu, das verschiedene Hörperspektiven miteinbezieht. Die Verbalisierung von Klang erfordert eine andere und präzisere Art der Sprache. Eine bildliche Sprache in Metaphern und Typologien gibt den Klangräumen einen fassbaren Charakter. Das laute Vorlesen der daraus resultierenden Empfindungsbeschreibung durch den Verfasser kann die subjektiven Eindrücke des Erlebten auf eine subtile Art und Weise transportieren.
Die Wiedergabe der Aufnahme der jeweiligen Räume kann in keinem Fall dem aktiven Wahrnehmen einer Situation gleichgestellt werden, jedoch kann die Fokussierung auf einzelne Details die eigene Vorstellung präzisieren.

Erker³
interdisziplinäres Masterprojekt Architektur & Landschaftsarchitektur
Bibliothek
Sammeln und zugänglich machen
Momente
Wahrnehmung und Transformation
Gedanken
Kritik am Okularzentrismus
Gedanken
Auditive Ornamente