CopyPaste Culture

PublikationProfessur
Architekturgeschichte und kuratorische Praxis
Forschungsarbeit

Die Thesis behandelt die Geschichte und Funktion typisierter Kulturhäuser: öffentlicher, sowjetischer Kultureinrichtungen, die massenhaft nach Typ-Projekten erbaut wurden und teilweise noch immer in Benutzung sind. Das Netz der ländlichen Kulturhäuser und Klubs in Russland ist ein Überrest der öffentlichen Versorgungsstruktur der Sowjetunion.
Die Typologie des Kulturhauses könnte Lösungsansätze für die Problematik der Landflucht bieten und das öffentliche Leben in den ländlichen Regionen Russlands fördern. Die Konzeption der derzeit aktiven Einrichtungen stammt meist noch aus sowjetischer Zeit, jedoch könnte das Kulturhaus und dessen Bau durch zeitgemäße Funktionen und Angebote erneuert werden. Die Analyse trägt zum grundlegenden Verständnis dieser Typologie und deren Funktionen bei.

Kulturhäuser und deren kleine Ableger, die Dorfklubs sind besonders in den ländlichen Gebieten des modernen Russlands ein gesellschaftlich und politisch relevantes Phänomen. Die während der Sowjetzeit vorangetriebene massenhafte Erbauung von Kultureinrichtungen in Siedlungen aller Größen führte zu einem dichten Versorgungsnetzwerk für Kultur, aber auch für Propaganda. Die Politisierung der Inhalte übertrug sich dabei teilweise auf die Architektur der Kulturbauten.
Nur durch die Methode der Typisierung war die flächendeckende Ausbreitung dieser Typologie möglich. Typisierung bedeutete im sowjetischen Fall die Planung und Errichtung bestimmter Typologien nach standardisierten Projekten. Dabei war die Nutzung von Standarddetails und -konstruktionen Teil der Planung. Modulare Systeme, einheitliche Bauelemente und Massenproduktion bildeten dafür die Grundlage. Dieses Copy-Paste Prinzip führte zu hundertfach ausgeführten, identischen Bauwerken.
Die Typisierung von öffentlichen Bauten im ländlichen Raum begann bereits Mitte der 1930er Jahre, zusammen mit der Umsetzung neuer urbanistischer Ideen für Dörfer und kleine Siedlungen. Dem Klubbau kam dabei eine Vorreiterrolle zu, da diese Bauten als Ausdruck der neuen Machtverhältnisse eine repräsentative Funktion einnahmen. Durch diesen staatlichen Eingriff in die Dorfstruktur wurden Klubs zum Symbol der neuen sowjetischen Machtinstanz und verliehen der Kollektivierung der Landwirtschaft einen architektonischen Ausdruck.
Die Welle der hundertfachen Umsetzung von einzelnen Typ-Projekten fand jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg im Zuge des Wiederaufbaus statt und vereinheitlichte so das Stadtbild der sowjetischen Siedlungen und Städte. Durch den politischen Umschwung begann ab 1953 eine Zeit der Restrukturierung. Diese ermöglichte Architekten nach Jahren der Abschottung Zugang zu internationalen Präfabrikationstechniken. Insbesondere die Importe von Bautechnik aus den USA und Frankreich ermöglichten eine schnelle Modernisierung und „Entstalinisierung“ des Bauens. Die westlichen Technologien förderten eine rasche Ausbreitung der Industrialisierung im Bauwesen.
Im Jahr 1975 existierten 135.100 Tsd. Kulturhäuser und Klubs in der gesamten Sowjetunion. Seit dem Ende der Sowjetunion ist die Zahl der Kultureinrichtungen stark zurückgegangen, im heutigen Russland sind noch schätzungsweise 10.000 in Betrieb.
Die Arbeit eröffnet die Frage um den Umgang mit diesem Erbe und um die derzeitige Nutzung der Kulturhäuser. Denn der jetzige Leerstand und die notwendigen Sanierungen von zehntausend-fach vorhandenen Bestandsbauten stellen die Kommunen vor schwierige ästhetische, architektonische und soziale Aufgaben.

Fassadenoverlay des Kulturhauses für 500 Pers. von K. K. Bartoshevich, 1947.
30 der 138 Kulturhäuser Bartoshevichs, erbaut in den 1950er Jahren in der Sowjetunion.
Fassadenoverlay des Kulturhauses für 500 Pers. von K. K. Bartoshevich, 1947.
18 der 138 Kulturhäuser Bartoshevichs, erbaut in den 1960er Jahren in der Sowjetunion.
Ausbreitung des Kulturhauses für 500 Pers. von K. K. Bartoshevich, 1947.
Umgesetzte Bauten des Kulturhaus-Typs in der Sowjetunion, sortiert nach Eröffnungsjahr.
Fassade und Grundriss des Kulturhaus Soda in Sterlitamak, Bashkortostan.
Besuchtes Fallbeispiel, errichtet nach Planungen von K. K. Bartoshevich, 1954.
Funktions- und Organisationsdiagramm eines Kulturhauses.
Mögliche Funktionen in Kulturhäusern im heutigen Russland.
Besuchte Fallbeispiele in der Region Bashkortostan, Russland.
Fassade und Funktionsschemata der Fallbeispiele im Vergleich.