Beiläufige Komplexitäten

Professur
Architekturgeschichte und kuratorische Praxis
Projektarbeit

Ausgangspunkt der Arbeit war die Beobachtung, dass vielerorts in Europa heute junge Entwerfende eine unauffällige Architektur realisieren, die auf den ersten Blick vielleicht nicht als Werk von Architekt*innen wahrgenommen wird; an der man vorbeilaufen würde, ohne sie groß zu bemerken. Gleichzeitig prägt die Gebäude eine gestalterischer Vielfalt, die mit der unscheinbaren Gestaltung zunächst nicht vereinbar scheint. Die Faszination für die ambivalente Erscheinung dieser Bauten hat mich zu einer tiefergehenden Beschäftigung motiviert. In der Arbeit wurde ergründet, wie der komplex-beiläufige Charakter der Gebäude entsteht und welche Haltung der Architektur zugrunde liegt. Dafür wurden neun Projekte junger Münchner Architekturbüros untersucht und mit architekturgeschichtlichen Positionen in Beziehung gesetzt.

In den Entwurfsprozessen lassen sich dabei drei Grundhaltungen beobachten: eine pragmatische Einstellung im Umgang mit äußeren Bedingungen, die Wertschätzung des Kontexts und ein großer gestalterischer Anspruch.
Die untersuchten Architekturentwürfe sind durch ihre Rahmenbedingungen, wie Baugesetze und begrenzte Kostenrahmen maßgeblich bestimmt. Im Umgang mit diesen Gegebenheiten entwickeln die Architekt*innen einen spezifischen Pragmatismus und verbinden pragmatische mit gestalterischen Überlegungen. Als Reaktion auf die strikten äußeren Bedingungen sowie auf die immer komplexer werdende Bauwelt ist eine Rückkehr zur architektonischen Einfachheit sowie eine Orientierung an Bildern vom Alltäglichen zu beobachten.
Der besondere Umgang mit dem architektonischen Kontext ist ein weiterer zentraler Aspekt der betrachteten Projekte. Anstatt den Bestand zu kontrastieren, arbeitet die hier untersuchte Architektur stark mit dem Vorhandenen. Kontext und Geschichte sind für die Architekt*innen dabei keine Ideale. Die Transformierung ortstypischer Muster auf die heutige Zeit und ein Zunutzemachen des Bestehenden mit Blick auf heutige Herausforderungen steht im Mittelpunkt. Häufig orientieren sich die Entwerfenden außerdem an einer Idee vom Kontext, die auf Vertrautes aufbaut. Der bewusste Rückgriff auf Vertrautes und die Entwicklung einer allgemein verständlichen Architektursprache kann als Reaktion auf die sich schnell wandelnde und herausfordernde Zeit gesehen werden.
Außerdem prägen Feinheiten und Details die betrachteten Projekte. Eine Architektur der gestalterischen Vielfalt entsteht, die das Interesse der Architekt*innen demonstriert, nicht nur Probleme lösen, sondern Architektur machen zu wollen. Zwischen der Einfügung in den Kontext auf der einen Seite und der individuellen Gestaltung im Detail auf der anderen entsteht bei den betrachteten Projekten ein Spannungszustand – eine Ambivalenz von Einheit und Vielfalt. Zur gestalterischen Tiefe der untersuchten Projekte tragen zudem ihre bewusst gestalteten formalen Widersprüche bei, sodass sich die Gebäude einer einfachen Lesbarkeit oft entziehen.
Die Mischung dieser verschiedenen Einflüsse und das dadurch entstehende unklare Bild bestimmen die beiläufige Erscheinung der Projekte. Die Beiläufigkeit ist das Ergebnis einer Komplexität, welche die betrachteten Projekte in der architektonischen Verbindung von Pragmatismus, der Wertschätzung des Kontexts und dem gestalterischen Anspruch der Architekt*innen entwickeln. Es entsteht eine komplexe Architektur, welche die gegenwärtigen Zeiten wiederspiegelt und sich zwischen Zweckmäßigem und Gestalteten ansiedelt.

Wohnhaus Goldern / Almannai Fischer
© Anna-Maria Mayerhofer
Turnhalle Haiming / Almannai Fischer
© Anna-Maria Mayerhofer
Wohnhaus an der Waldstraße / Baur & Latsch Architekten
© Anna-Maria Mayerhofer
Reihenmittelhaus Krüner / Multerer Architekten
© Anna-Maria Mayerhofer
Wohnhaus Altötting / Almannai Fischer
© Anna-Maria Mayerhofer