Sakralbau in Zeiten des Mangels – Otto Bartning

PublikationProfessur
Tragwerksplanung
Forschungsarbeit

Der Architekt Otto Bartning war einer der bedeutendsten Baukünstler für den protestantischen Kirchenbau des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Zwischen 1946 und 1951 wurden an die 100 typisierte Kirchen und Gemeindezentren nach seinem Entwurf geplant und errichtet. In einer Bachelorarbeit hat die Lehramtsstudentin Sabrina Kronthaler vier solcher Notkirchen untersucht und dokumentiert.

Die Schrecken von Krieg und Diktatur verursachten im Zweiten Weltkrieg Not und Verzweiflung. Man versuchte in der Folge den Menschen durch den Bau von Wohnungen, aber auch von Kirchen und Versammlungsräumen Obdach und Halt zu geben. So war u.a. die evangelische Kirche in Deutschland bestrebt, nicht nur zerstörte und beschädigte Gebäude wieder aufzubauen, sondern innerhalb neu zu schaffender Siedlungen Kirchen und Gemeindezentren zu errichten. Die Mittel hierfür waren in jeder Hinsicht äußerst knapp. Der Architekt Otto Bartning (1883-1959) stand ab 1945 dem evangelischen Kirchenbauwesen in Deutschland vor und entwickelte typisierte Notkirchen, die in ganz Deutschland realisiert wurden.
Otto Bartning ist als Vertreter einer expressiven Klassischen Moderne in der Architektur anzusehen. Für seine Kirchenbauentwürfe stellte Bartning schon in den 1920er Jahren die Skelettbauweise als ideale Konstruktion ins Zentrum seiner Überlegungen, die zugleich Einfachheit und Flexibilität ermöglicht. Es sind insgesamt vier Bautypen zu unterscheiden. Während der sogenannte Typ A als Wandpfeilerbau anzusprechen ist, wurden die Typen B, Gemeindezentrum und Diasporakapelle als reine Skelettbauten ausgeführt, bei denen Tragwerk und Ausbau voneinander getrennt sind.
Die Skelettbauweise ermöglichte ein Maximum an Vorfertigung, die Beteiligung der Gemeindeglieder an der Errichtung und ein Minimum an Kosten. Darüber hinaus betrug die Bauzeit nur sechs bis acht Wochen. Das Raumprogramm sah eine Mehrfachnutzung der Räume zur Andacht, für Feste sowie Versammlungen vor. Otto Bartnings Kirchenbauprogramm wurde in der Folge Vorbild für zahllose Kirchenentwürfe und machte Sakralbauten aus Holz allgemein salonfähig.
Noch erstaunlicher ist die Qualität der Planung bis ins Detail. Innerhalb einer Forschungsarbeit am Lehrstuhl für Tragwerksplanung der Fakultät Architektur der Technischen Universität München konnten mehrere Notkirchen der Typen Gemeindezentrum und Diasporakapelle untersucht und dokumentiert werden. Dies erfolgte auch vor dem Hintergrund, dass das allmähliche Verschwinden dieser besonderen Zeugnisse einer qualitätvollen Nachkriegsarchitektur zu befürchten ist.