Ein wissen­schaftliches Journal herausgeben

Professur
Architekturgeschichte und kuratorische Praxis
Forschungsarbeit

2018 bin ich in die Redaktion der Kritischen Berichte – Zeitschrift für Kunst- und Kulturwissenschaft gewählt worden. Die Besonderheit dieses Fachmagazins ist in unseren Augen natürlich seine Architekturausgabe, die einmal im Jahr erscheint. Eine wunderbare Chance, über Themen, die viele Leser*innen interessieren, nachzudenken, und das Netzwerk zu stärken. Das erste Heft ist gerade auf Englisch erschienen und heißt „Housing Regimes – New Approaches to a State-Citizen-Relation“. Das 2021er Heft wird den Titel „Spuren des Rassismus in der Architektur und im öffentlichen Raum“ tragen.

Sechs Autor*innen haben Beiträge verfasst, die von der Bürokratisierung des Bauens in Ernst Mays Neuem Frankfurt und der Rationalisierung von Küchen in den 20er Jahren bis zu Architekturausstellungen in Israel in den 30/40er Jahren gehen. Der Intendant der Internationalen Bauausstellung Stuttgart 2027, Andreas Hofer, gibt ein spannendes Interview zu Historie und Zukunft der Region 100 Jahre nach der Weißenhofsiedlung. Besonders wichtig war mir der Architekturvergleich zwischen Deutschland und Israel im Postwar. Wie und wo handeln und wohnen Menschen nach den unvergleichlichen Krisen in der Mitte des letzten Jahrhunderts? Architekt*innen, Geflüchtete, Politiker*innen, Landschaftsgestalter*innen – im Nation Building nach 1948/49, den Gründungsjahren von BRD, DDR und Staat Israel ging es vielen um Existenzsicherung und Aufbau friedensfähiger Systeme zwischen Demokratie und Autokratie oder gar Diktatur. Das Wohnen für Migrant*innen ist dabei (ebenso wie heute) ein besonderer Prüfstein, und ihr Anteil an der Bevölkerung betrug damals bis zu 25% in Westdeutschland und 50% in Israel. Während hierzulande nicht erhoben ist, wie viele der sogenannten Vertriebenenstädte es gibt, ist für Israel die Zahl von 400 New Towns gesichert. Übereinstimmend kann man sagen, dass die neuen Bürger*innen keine gestalterische Mitwirkung hatten, sondern in unterschiedlichen Formen des Massenwohnungsbaus untergebracht wurden. Ein Beispiel ist die jüdische Gemeinde Äthiopiens, die in der „Operation Moses“ von israelischer Armee und Geheimdienst evakuiert wurde. Ihre Architekturtradition konnten sie in Israel nicht etablieren und sie sind dem strukturellen Rassismus der Weißen Gesellschaft ausgesetzt. Das zeigt der berührende Film des Museum of the Jewish People in Tel Aviv.
Wenn man ein Journal macht, bekommt man es auch mit analogem und digitalem Publizieren und der wirtschaftlichen Situation der Verlage zu tun. Viele Verlage haben eine bekanntlich Paywall oder gar eine Sperrfrist ihrer digitalen Hefte. Bei unserem Verlag beträgt diese drei Jahre, so dass ich hier das Heft leider nicht zeigen kann. Doch der Titel und einige der Illustrationen machen hoffentlich Lust darauf.

Kritische Berichte: Housing Regimes
Cover kb 2/2020 © Regine Heß
Operation Moses - 30 Years After
Exhibition Movie © The Museum of the Jewish People at Beit Hatfutsot, Tel Aviv
IBA'27 Stuttgart Neckar
Flyer Internationale Bauausstellung IBA'27 © L2M3/Max Guther